Die Elternschule

Das Schlimmste am ersten Jahr sei die Einsamkeit, sagte mir nicht nur eine Freundin. Mir machte das Angst, denn in meinem Freundeskreis würde keiner parallel in Elternzeit sein. Dass ich am Ende den Winter nicht alleine im Wohnzimmer verbrachte, sondern fast täglich mit wundervollen Menschen, von denen ich heute einige meine Freunde nennen darf, verdanke ich einer einzigen Einrichtung. Der Elternschule. 

Dass ich die Elternschule entdeckt habe, war eher ein glücklicher Zufall. Bestimmt hatte ich irgendwo auch einen Flyer mitbekommen, unter all den Flyern die man bei der Geburt bekommt hätte ich die Elternschule aber nie entdeckt. Und auch wenn man nach Krabbelgruppen googelt findet man nicht unbedingt zur Elternschule. 

Dabei gibt es die Elternschulen an 21 Standorten in Hamburg. Sie sind Einrichtungen der Familienbildung in Trägerschaft der bezirklichen Fachämter Jugend- und Familienhilfe bzw. Sozialraummanagement. Elternschulen arbeiten präventiv und sozialraumorientiert. Sie haben sich unter anderem zum Ziel gesetzt Eltern „in der Bewältigung des Familienalltags rechtzeitig zu unterstützen, ihre Handlungskompetenzen zu erweitern und zur Schaffung guter Voraussetzungen für die sozial-emotionale, körperliche und kognitive Entwicklung der Kinder beizutragen.“. 

Ich habe mich mit der Leiterin der Elternschule Langenhorn Corinne Meyering getroffen und mit ihr über die Elternschulen gesprochen. Das Interview ist gekürzt und zusammengefasst. 

YW: Die Elternschule hilft nicht nur gegen Einsamkeit. Ihr bietet viel mehr. Beratung zu sämtlichen Lebensfragen, von Erziehung über Babypflege, Beikost aber auch zu Scheidung oder wirtschaftlichen Fragestellungen. Ihr bietet Kurse für Schwangere, Rückbildung, für junge Mütter, Krabbelgruppen und offene Spieleangebote. Es gibt aber auch Kurse für größere Kinder, z.B. Töpfern oder Kunst. Liebe Corinne, was habe ich noch vergessen?   

CM: Für Familien gibt es noch weitere Angebote, wie z.B. Musik-, Säge- und Experimentierkurse, sowie Naturkurse und saisonale Veranstaltungen zu Ostern/Weihnachten und einen Treffpunkt für Alleinerziehende. Es gibt auch Kurse die nicht explizit für Eltern sind. Wir haben Kreativ- und Sportangebote für alle, wie z.B. Qigong, Krimidinner, Fit und Fun und das Sprachcafé für Frauen. Außerdem gibt es in der Elternschule Themenabende und Angebote unserer Kooperationspartner, wie z.B. dem Kinder- und Familienzentrum (Kifaz), dem ASD, Palstek usw.. Neu bei uns im kommenden Halbjahr sind ein Vätertreff und eine Gruppe für Kinder, deren Eltern in Trennung leben. 

YW: Das Konzept der Elternschule soll insbesondere Familien in schwierigen Situationen und sozial benachteiligte Familien unterstützen. Würdest du sagen, dass ihr diese Zielgruppe auch erreicht? In den Kursen die ich besucht habe, waren vor allem Akademiker aus stabilen Familien. 

CM: Naja, aber auch in diesen Familien kann ja eine Problematik vorliegen. Wir wissen ja gar nichts über die Familien die zu uns kommen und das ist auch gut so. Aber Du hast schon recht, natürlich sind die Eltern die sich eh viele Gedanken über die Entwicklung ihres Kindes machen meist sehr gut informiert und suchen nach Kursen für ihre Kinder und anderen Eltern zum Austausch. Wir sind aber grundsätzlich für alle da und freuen uns über jeden der kommt. 

YW: Wie ist der Anteil Beratungsleistungen vs. Kurse und werden da unterschiedliche Klientel angesprochen?

CM: Oh, das ist schwierig. Wo fängt eine Beratung an, wo hört sie auf…. Auf dem ersten Blick überwiegt sicherlich unser Kursangebot, aber auch in den Kursen kommt es zu Beratungen. Kursleiterinnen helfen/beraten oder leiten weiter, an mich oder direkt an interne/externe Beratungsstellen. 
Wer eine Beratung benötigt hat bei uns die Möglichkeit entweder die Offenen Sprechstunden zu besuchen (z.B. zum Thema: wirtschaftliche oder sozialpädagogische Beratung) oder wir vermitteln weiter an (z.B. zum Thema: Erziehungsfragen, Trennung/Scheidung usw.).
Deine Frage nach dem Klientel ist auch hier schwierig zu beantworten, da wir nicht danach fragen oder schauen. Wir versuchen jedem Menschen, der Beratung/Unterstützung benötigt zu helfen.  

YW: Eure Kurse sind kostenlos oder mit geringer Beteiligung. Nehme ich anderen Kindern den Platz weg, wenn ich die Kurse nutze obwohl ich auch teure externe Kurse bezahlen könnte? 

CM: Unsere Angebote sind für alle Eltern. Da machen wir keinen Unterschied. Manchmal kommt es vor, dass ich eine Familie, bei der ich das Gefühl habe, dass sie von dem Angebot besonders profitieren würde, einfach noch in den Kurs packe, auch wenn dieser eigentlich schon voll ist. 

YW: Bestehen Kontakte zB zur naheliegenden Flüchtlingseinrichtung? Gibt es Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen / Trägern?


CM: Ich habe direkt Kontakt zu der Unterkunft am U-Bahnhof Kiwittsmoor aufgenommen und war auch persönlich dort, um unsere Angebote den Mitarbeiterinnen vorzustellen. Es ist schwierig und ich habe da wahrscheinlich ganz andere Erwartungen. Geflüchtete Familien haben, besonders, wenn sie gerade erst angekommen sind, andere Themen, um die sie sich kümmern müssen. Ich bleibe aber dran und gebe nicht auf!

Einfacher ist es, wenn Mitarbeiter/innen die Menschen an die Hand nehmen, ihnen die Angst nehmen und ihnen zeigen „Schau, hier kannst du hin, hier gibt es Eltern-Kind-Gruppen, Beratung, hier kannst Du andere Eltern kennenlernen usw. und die Leute sind nett“, das hilft sicher. Aber das ist leider oft nicht möglich.  
Es gibt auch noch andere Wege: Basis und Woge, ein Träger, der in vielen Unterkünften tätig ist, nutzt das Stadtteilhaus Bornbachstieg und bietet dort freitags ein Café unter dem Titel „Chai und Franzbrötchen“ an. Ein Angebot für alle, egal, ob geflüchtet oder nicht 😊. Dort bin ich auch manchmal, lerne die Menschen kennen und stelle ihnen die Angebote der Elternschule Langenhorn vor. 

 

YW: Der Zugang soll ja niedrigschwellig sein. Ich finde das ist er einerseits auch. Bei den offenen Treffs kann man ja einfach reinkommen. Beim ersten Mal musste ich mich aber auch überwinden. Findest du eure Angebote sind da niedrigschwellig genug oder ist da noch Luft nach oben?

CM: Hast du denn eine Idee was man verändern könnte, um es den Familien/Menschen leichter zu machen? Würde es helfen den Eingang anders zu gestalten oder die Tür immer offen zu haben? Wäre auf jeden Fall interessant für mich zu wissen, was wir besser machen können, um Interessierten den Schritt in die Elternschule zu erleichtern.
Ich versuche immer auf die Leute zuzugehen. Wenn ich jemanden draußen sehe, der/die sich unsere Aushänge anschaut, gehe ich raus und spreche ihn/sie an.
Ich merke auch, dass die offenen Kurse, das bedeutet: ohne Anmeldung und kostenfrei, sehr gut funktionieren. Diese Kurse sind unverbindlicher, „wenn es mir nicht gefällt, brauche ich nicht wiederzukommen“.

 

YW: Wir haben ziemlich viele Flyer bekommen aber ich fand das sehr unübersichtlich. Mein Traum ist sowieso eine Seite wo man alle Angebote die es im Stadtteil gibt leicht zugänglich findet. Es gibt so viele tolle Sachen in Langenhorn und keiner weiß davon. Von einigen Sachen habe ich erst erfahren als meine Elternzeit schon fast vorbei war. Zb von den EKiZ. Wie unterscheiden sich eigentlich die Elternschule, das Kifaz und EKiZ? Und gibt’s noch mehr die ähnliche Angebote machen? 

CM: Ja, es gibt noch weitere Angebote für Schwangere und Familien, hilfreich ist da sicherlich die Seite: www.fruehehilfen-hamburg.de. Hier kann man direkt in seinem Stadtteil nach Krabbelgruppen/Kursen etc. suchen.
Hier, direkt in der Elternschule Langenhorn, muss man gar nicht lange suchen, denn unter unserem Dach befindet sich auch das Kifaz (Kinderfamilienzentrum) mit dem Familienteam Langenhorn. Das Team besteht aus einer Familienhebamme, einer Kinderkrankenschwester und einer Sozialpädagogin und bietet neben Kursangeboten und offenen Sprechstunden auch eine Kleiderkammer an.
Du fragst wie wir uns unterscheiden… ich würde sagen, dass wir zunächst eine wichtige Gemeinsamkeit haben: wir beraten und unterstützen alle, die Verantwortung für Kinder tragen. 
Unterschiede gibt es bzgl. der Trägerschaft und der Schwerpunkte, die sich die einzelnen Institutionen setzen. 
Die Elternschule Langenhorn ist eine Einrichtung des Jugendamtes im Bezirk Nord.

YW: Du hast die Finanzierung ja nun schon angesprochen. Wie ist das bei euch denn eigentlich? Sind die Kursleiterinnen angestellt oder werden die pro Stunde bezahlt? 

CM: Die Kursleiter*innen/Helfer*innen sind alle Honorarkräfte und haben einen Jahresvertrag. Die Bezahlung der Honorarkräfte läuft über Unterrichtsvergütungssätze, die vom Amt vorgegeben werden. 
Die Elternschule hat ein Jahresbudget und ich muss so wirtschaften, dass ich damit hinkomme.
Ich muss abwägen, was geht noch oder was bieten wir besser im nächsten Halbjahr an. Das ist manchmal schade, aber auch spannend.
Wir haben aber auch Kursleiter, die ihren Kurs unentgeltlich anbieten. Zurzeit habe ich da zwei, die früher selber mit ihren Kindern in der Elternschule waren, und nun etwas „zurückgeben“ möchten.
Einige Angebote machen wir auch über das Gesundheitsamt/der lokalen Vernetzungsstelle „Gesundes Langenhorn“. Durch diese Kooperation können wir in diesem Halbjahr versch. Kochkurse (z.B.„Pütt, Pann und Papa“), Buggy-Workout und Themenabende anbieten.    

YW: Ihr nutzt ja die Gebäude im Holitzberg und am Bornbachstieg. Sind die Gebäude eigentlich im Besitz der Stadt? 

CM: Das Gebäude der Elternschule Langenhorn, hier am Holitzberg 139a, ist angemietet. Das Stadtteilhaus am Bornbachstieg, auch bekannt als das „bunte Haus im Park“, gehört dem Bezirk. Dort bieten wir Musikkurse, das Mittwochcafé und das Kinderkino an. Das Haus wird aber auch von selbstorganisierten Gruppen genutzt, z.B. Eltern-Kind-Treffs, Nähgruppen…
Wir koordinieren das von der Elternschule aus.

YW: Seid ihr glücklich mit den Räumlichkeiten? Oder habt ihr Wünsche? 

CM: Ja, ich bin sehr zufrieden mit den Räumlichkeiten, die wir haben. Wir haben schöne Gruppenräume, die voraussichtlich im Herbst einen neuen Anstrich bekommen und für unser Foyer bestellen wir demnächst noch ein gemütliches Sofa. 
Was ich mir wünschen würde wäre ein Außenbereich. Wir haben hier leider gar keinen Garten. So ein Außenbereich der direkt vom Haus abgehen würde wäre echt richtig toll, aber wohl nicht realisierbar. 

YW: Was sind eure Ziele / Pläne für die Zukunft? Kannst du dir vorstellen das in zehn Jahren noch zu machen?

CM: Also, in zehn Jahren möchte ich sehr gerne noch hier sein, habe die Stelle ja erst im Mai 2023 angetreten und es macht mir sehr viel Spaß.
Konkrete Ziele kann ich gar nicht so benennen, da es hier eher ein Prozess ist, es entwickelt sich. Eine Planung für einen längeren Zeitraum ist daher schwierig, ich muss schauen, wie die Bedürfnisse der Familien/Menschen im Stadtteil aussehen und darauf reagieren. 
Kurzfristigere Ziele, die ich zurzeit verfolge und nach und nach umsetze, ist eine „Überholung“ der Einrichtung, neue Möbel, neue Anstriche… 

YW: Gibt es besondere Angebote die du wichtig findest, die aber wenig genutzt werden und denen du hier mehr Aufmerksamkeit geben möchtest? 

CM: Ja! Bei uns gibt es das Sprachcafé für Frauen. Die Kursleiterin, eine pensionierte Lehrerin, macht das so nett.  Viele wollen Sprachkurse machen, bei denen man ein Zertifikat erhält, das bietet dieser Kurs nicht, aber für erste Worte, Redewendungen und andere Frauen kennenzulernen ist er sehr empfehlenswert. 

Was auch kaum einer weiß, das Mittwochs-Cafe im Bornbachhaus (10 – 12 Uhr) ist ein Stadtteilcafe, nicht nur für Eltern und Kinder. Da kann jeder vorbeikommen, einen Kaffee trinken und eine frische Waffel und/oder ein leckeres Sandwich essen. 

YW: Mein Traum wäre ein offener Treff der ganztags und täglich geöffnet ist. Denn das Einhalten von Terminen / vorgegebenen Zeiten war mit Baby ein echter Stressfaktor. Wie steht ihr dazu? 

CM: Warum eigentlich nicht? Da müsste man überlegen, wie das klappen könnte. Am besten wäre natürlich es würden sich Ehrenamtliche finden, die sich engagieren und somit eine Verlässlichkeit schaffen, die für die Etablierung eines solchen Angebotes wichtig ist. 

YW: Wie kann man euch denn grundsätzlich unterstützen?

CM: Ich freue mich immer, wenn Menschen mich ansprechen, ihre Ideen miteinbringen, Wünsche äußern- oder sich selbst engagieren möchten.